Miriam Makeba

Eine Biographie

Bei meinem Besuch in Kapstadt 2002 lief ich mit einer Bekannten, die in Namibia aufgewachsen ist und in Kapstadt studiert hatte, durch die Straßen und blieb vor einer Statue stehen, die offensichtlich eine Gründerfrau zeigte. Ich deutete auf die Steinfigur und fragte meine Begleitung, ob das so etwas wie die Mutter Afrikas sei? Sie überlegte kurz und meinte dann: "Nein, ich glaube, wenn jemand die Mama Afrikas ist, dann Miriam Makeba." Klar hatte ich den Namen schon mal gehört, aber ich konnte ihn nicht sofort in einen bestimmten Kontext bringen. Nach Deutschland zurückgekehrt begab ich mich auf die Suche nach dieser Frau und fand eine lebende Legende, die nicht nur durch ihre atemberaubende Stimme und ihre empathischen Liedtexte als Repräsentanin Afrikas gilt, sonderen auch durch ihr politisches Engagement, ihrem unermüdlichen Einsatz für die Unterdrückten und Schwachen zur Identifikationsfigur eines ganzen Kontinents wurde.

Am 4. März 1932 wird Miriam Makeba in Johannesburg geboren. Sie wächst in den Townships auf, wo sie schon früh unter dem Unterdrückungsregime zu leiden beginnt. Sie entdeckt bald nicht nur ihr stimmliches Talent, sondern auch die Musik als Mittel der Bewältigung und des Ausgleichs. Trost und Zuflucht vor der Missachtung der Schwarzen in jedem nur erdenklichen Lebensbereich findet das Xhosa-Mädchen in den sonntäglichen Zusammenkünften mit Freunden: man lauscht den aktuellen Jazzplatten von Ella Fitzgerald und Billie Holliday. 1954 schließt sie sich den Manhattan Brothers an, die damals eine der bekanntesten Gruppen des Landes waren. Mit ihnen feiert sie ihre ersten Erfolge und erreicht einen gewissen Bekanntheitsgrad. Doch bald nimmt sie auch eigene Songs auf und gründet das Frauen-Trio The Skylarks. Über die Grenzen Afrikas hinaus bekannt wird sie durch eine Rolle im populären Musical King Kong im Jahre 1959. Dabei lernt sie auch ihren späteren Mann Hugh Masekela kennen. Als sie daraufhin zu Promotion-Zwecken ihre Heimat verläßt, weiss sie noch nicht, dass sie lange Zeit nicht wiederkehren wird.
Binnen Wochen erfährt Makeba Ende 1959 einen schier unglaublichen Aufstieg zu immenser Popularität: ihr Mentor und "großer Bruder" Harry Belafonte, den sie in London kennenlernt, ermöglicht ihr Auftritte in Los Angeles und New York, wo sie im Village Vanguard debütiert. Anwesend im Publikum sind an jenem legendären Premieren-Abend Duke Ellington, Miles Davis, Nina Simone und Sidney Poitier. Und dank des Respekts, den ihr das europäische und amerikanische Publikum zollt, wird aus dem schüchternen Mädchen eine selbstbewußte Frau, die beginnt, die Unterdrückung ihres Volkes anzuprangern. Schließlich verweigern ihr die Behörden auf dem südafrikanischen Konsulat die Rückreise. 30 Jahre lang wird sie fortan im Exil leben.
Spätestens das schlichte Tanzlied Pata Pata, das 1967 veröffentlicht wird, besiegelt endgültig ihren weltweiten Ruhm.
Doch auch in den Vereinigten Staaten wird sie nicht lange bleiben. Das Klima in den Vereinigten Staaten wird mit der Zeit eisig für Miriam. Aufgrund ihres neuen Lebenspartners, dem Bürgerrechtler Stokely Carmichael, hatte man begonnen, sie rund um die Uhr zu beschatten. Zudem werden ihre Engagements auf perfide Art und Weise gekündigt. Sie findet in Guinea eine zweite Heimat, wo auch ihre Tochter und deren Kinder beginnen, Wurzeln zu schlagen.
Erst 1990 wird sie von Nelson Mandela gebeten zurückzukommen. Sie kehrt nach 30 Jahren in das von den Unterdrückern befreite Südafrika zurück. Heute lebt Miriam Makeba wieder in Johannisburg und ist gefeierter denn je.


Obwohl sie sich selbst als Sängerin und nie als Politikern sah, wurde Miriam Makebas furchtlose Menschlichkeit mit vielen internationalen Awards ausgezeichnet.
Ermutigt durch die Aktionen der Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King, spricht sie 1963 erstmals vor der UNO, um sich für die Freiheit ihres Volkes einzusetzen und verlangt den Boykott des Apartheid-Regimes. Als Vergeltung werden ihre Platten in der Heimat fortan verboten. Sie nimmt an zahlreichen Konferenzen zur Errichtung einer afrikanischen Einheit teil.
Ihr Ruf als Fürsprecherin aller Schwarzen festigt sich bei zahlreichen Auftritten zu Unabhängigkeitserklärungen der jungen Nationen des Kontinents und in erneuten Teilnahmen als guineische Delegierte vor der UNO.
In ihr Song-Repertoire nimmt sie nun auch eine große Zahl Protestlieder auf, darunter Soweto Blues aus der Feder ihres Ex-Mannes Hugh Masekela. Der Song bezieht sich auf ein konkretes Ereignis: die 1976 aufkeimenden und gewalttätig niedergeschlagenen Unruhen in Soweto, die Miriam ebenso wie die immer wieder angekündigten, jedoch leeren Reformversprechungen der Botha-Regierung aus dem Exil beobachten muss.
Die Stimmen für eine Niederschlagung der Apartheid können nun nicht mehr überhört werden - und endlich, 1990, darf sie die Befreiung ihres Landes erleben. Nelson Mandela, dem sie einmal am Anfang ihrer Karriere begegnet war und für dessen Freilassung sie sich immer wieder einsetzte, hatte schon als junger Vorsitzender des ANC (African National Congress) gespürt, daß aus "diesem Mädchen etwas ganz Besonderes werden würde." 1986 bekommt sie den Dag Hammarskjöld Friedenspreis verliehen. In ihre Heimat zurückgekehrt, gründet sie den Fond "The Makeba Centre for Girls". Sie setzt sich für viele Charity-Projekte zum Schutz von Frauen in Südafrika ein. 1998 wird sie Botschafterin der UN FAO (Food and Agricultural Organisation). 2001 schließlich bekommt die die Otto-Hahn-Friedensmedaille, die zuvor u.a. Michail Gorbatschow verliehen bekam.
Sie kümmert sich um zahlreiche soziale Belange ihres Landes, unterstützt Anti-Drogen-Kampagnen und die Ausbildung ihrer südafrikanischen Landesgenossen.

Miriam Makeba scheute sich nie davor, politisch Stellung zu beziehen. Unterstützung fand sie bei zahlreicher Politprominenz. Neben den Regierungspräsidenten afrikanischer Länder wurde sie u.a. von den Oberhäupten zahlreicher Länder ampfangen, von Francois Mitterand, von Fidel Castro... 1962 sang sie auf der Geburtstagsparty von J.F.Kennedy das berühmte Wimoweh (oft gecovert als The Lion Sleeps Tonight).
Sie wurde zu einer Audianz bei Papst Johannes Paul II eingeladen. Ihre anschließende Performance in der vatikanischen Nervi Hall im Dezember wurde weltweit im Fernsehen ausgestrahlt unter dem Titel "Weihnachten im Vatikan".

Auch die Großen der Musikbranche sahen sich gern an ihrer Seite. Sie stand mit so bedeutenden Musikern wie Paul Simon, Duke Ellington und Miles Davis auf der Bühne. Sie präsentierte ihre Lieder in Afrika, Amerika, Europa und Australien. Sie füllte so renommierte Hallen wie z.B. die Royal Albert Hall.

Auf einzigartige Weise vereinen sich kulturelle Tradition und soziales Gewissen in Miriam Makeba. Sie ist eine lebende Legende. Im vergangenen März wurde sie 71 Jahre alt. Ihr Leben war erfüllt von Erfolg, aber auch von vielen Rückschlägen. Sie erlebt die zahlreichen Facetten menschlicher Intoleranz: Apartheit, Exil, Medienrummel und Vorurteile prägen einen kurvenreichen Karriereweg. Die bewegte Lebensgeschichte Makebas spiegelt sich in ihren Konzerten wieder. Auch ist sie die erste afrikanische Grammy-Preisträgerin und ihre Klassiker wie "Pata Pata" und "The click song" gingen um die Welt. Seit 50 Jahren steht sie auf der Bühne.
Miriam Makeba ist Mama Africa, unermüdlich trat sie für Frieden und Freiheit ein, lieh ihre Stimme all denen, die von Rassismus und Ungerechtigkeit verfolgt wurden.
In ihrer Autobiographie schreibt sie:
"Wenn ich die Wahl gehabt hätte, dann hätte ich mit Sicherheit das sein wollen, was ich bin; ich hätte zu den Unterdrückten und nicht zu den Unterdrückern gehören wollen. Und in einer beklagenswerten Welt, in der so viele die Opfer sind, bin ich stolz darauf, dass ich kämpfen kann. Mein ganzes Leben, meine Karriere, jedes Lied, das ich singe, und jeder Auftritt, alles hat etwas mit dem schweren Schicksal meines Volkes zu tun. Man hat mir meine Heimat genommen. Ich lebe im Exil außerhalb meines Landes. Mein Volk lebt im Exil im eigenen Land. Aber es gibt drei Dinge´, mit denen ich auf die Welt gekommen bin, und es sind diese drei Dinge, die ich mir bewahren werde bis zu dem Tag, an dem ich sterbe: Hoffnung, Entschlossenheit, Gesang. Und diese Dinge teile ich mit meinem Volk."

 

Tanja Höschele, Frankfurt
Literatur: "Homeland Blues. Ein farbiges Leben" Autobiographie von Miriam Makeba mit Unterstützung von James Hall, München 1990.