|
Wir beschäftigen uns mit Adorno. Und mit Horkheimer. Hochtrabend
intellektuell. Und ausserdem noch tiefgreifend philosophisch. Ich bin
mir sicher, es könnte sehr interessant sein.. Allerdings hab ichs
nicht gelesen, von daher ist es eher ermüdend, die Textstellen zu
suchen, über die gerade gesprochen wird und verzweifelt in meinem
Reader hin- und herzublättern. Die Nebensitzer nervt es scheinbar
auch schon, da mein Geblättere sie beim Zuhören irritiert. Und
das ist weiss Gott enorm schade, denn hier im Seminar findet sich mal
wieder ein Sammelsurium von Leuten, die echt was zu sagen haben. Faszinierend.
Wie diese Menschen in der Lage sind, Fremdwörter verschiedenster
Herkunft miteinander zu kombinieren, in verschachtelte Sätze einzubetten
und nach fünf Minuten Fachmonologie wieder zum Ausgangspunkt zurückkehren.
Zumindest manche. Andere verheddern sich, schaffen es aber, ihren Hänger
zu überspielen und beenden ihren Vortrag ganz einfach mit einem schlauen
Gewinnerlächeln. Wieder andere verlieren völlig den Faden, sehen
nach einigen hms und ähs auch keinen Ausweg, als es zuzugeben, lachen
verschmitzt und heben entschuldigend die Hände, was dann "ihr
wisst ja, wie ich bin, zu viele kluge Gedanken auf einmal in nur einem
einzigen Kopf, da kann das ruhig mal passieren" ausdrücken soll.
Deduktiv nomologisch. Was? Die Kernaussage ist mir leider entgangen und
auch andere Teile des Satzes habe ich irgenwie verpasst, möglicherweise
in Ermangelung meiner eigenen Konzentration, aber etwas blieb hängen.
Deduktiv nomologisch. Aha. Einige meiner Komilitonen blicken einander
fragend an, andere beginnen sofort, sich gegenseitig beide Bedeutungen
zu erklären, wieder andere nicken erhaben - war da jetzt irgendetwas
unverständlich?
Ich gehöre zu denen, die äusserlich keine Reaktion zeigen, innerlich
aber höchste Aktivität aufweisen. Mein Gehirn rattert so laut,
dass ich fürchte, meine Nebensitzer könnten sich erneut gestört
fühlen. Deduktiv nomologisch. Ich hatte doch auch mal Latein.
Also, deducere = hinabführen, ziehen, geleiten, in einen Zustand
bringen oder so. Und nomologisch? Nomen ist ja wohl einfach der Name,
oder auch ein Synomym für Substantiv. Vielleicht spricht er von etwas
in einen Zustand gebrachtem substantivistischen? Oder er meint einen hinabführenden
Namen. Oder einen abführenden Namen? Vielleicht hat das, was er uns
sagen will, also einfach nur mit sehr viel Bier am Vorabend zu tun. Das
wiederum schwenkt meine Gedanken um auf Dinge, die ich wesentlich lieber
täte als hier zu sitzen. Ein Feierabendbier in einer angenehm niveaulosen
Dummsäuferkneipe. Ich kehre nur noch einmal kurz zum Seminargeschehen
zurück, als mein auf Abruf bereit gestelltes Ohr bemerkt, wie der
deduktiv nomologische Redner sich total verzettelt und am Ende sogar fragen
muss, wovon er am Anfang eigentlich gesprochen hatte. Die Schadenfreude
lass ich mir doch nicht entgehen!
Aber selbst das bringt dieser Vorbildstudent mit einer Überzeugung
und Inbrust rüber, dass ich unweigerlich denken muss, der Mann gehört
in die Politik.
Konotation. Aha! Zufällig kenne ich dieses Wort und muss feststellen,
dass es an dieser Stelle ganz und gar nicht passt. Aber verdammt, er bemerkt
es selbst, sucht verzweifelt nach einem besseren.. Ein einfaches gutbürgerliches
deutsches zu nehmen, kommt ihm dabei aber nicht in den Sinn.
"Man muss übrigens nicht immer Fremdwörter benutzen",
murmel ich, aber nur ganz leise. Niemand hört es. Ich sage ja auch
sonst nie was, da kann ich es mir nicht herausnehmen, die Leute zu kritisieren,
die sich wenigstens beteiligen.
Immerhin, er beendet seinen Vortrag, alle sind erleichtert. Das Seminar
deducet sich und ich bin mit meinen Gedanken wieder überall anders.
Mittlerweile spricht man von domestizierten Kindern. Dabei dachte ich
immer, nur Tiere könne man domestizieren. Die heissen dann Haustiere.
Gibt es etwa wilde Kinder und Hauskinder?
Ach, ich muss noch viel lernen. Aber zum Glück geh ich ja auf die
Uni.
|