Ein Wurfholz von Paul Celan |
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Versuch
einer Annäherung
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EIN WURFHOLZ,
auf Atemwegen, Was ist ein Wurfholz?
Ein Blick ins Lexikon erklärt, dass es sich um einen veralteten Begriff
für Bumerang handelt. Bumerang ist ein Wurfholz, dass beim Verfehlen
des Zieles, wieder zum Werfer zurückkommt. Was sagt uns ein Wurfholz?
Das besondere an einem Bumerang ist ja, dass man es wegwirft, es aber
wieder kommt. Es wurde früher als Waffe eingesetzt. Verfehlte es
sein Ziel, konnte es der Werfer erneut ensetzen, wenn es zu ihm zurückkam.
Ein Bumerang beschreibt eine Bewegung: ein auf-etwas-zu und wieder-zurück.
Dieses Wurfholz bewegt sich nun, so wird es dargestellt, auf Atemwegen.
Man möchte ja eher sagen: auf Flugbahnen, also auf jeden Fall durch
die Luft und hier ist auch die Beziehung zu Atem: Luft wird eingeatmet.
So wanderts. Auf Wegen, auf Flugbahnen. Es ist Flügelmächtig.
Die Flügel passen nun wiederum zum Atmen, nämlich zu den Lungenflügeln.
Daneben hat es natürlich auch wieder den Tenor Fliegen, und erinnert
an die zwei Flügel des Bumerangs. Flügelmächtig ist durch
einen Bindestrich und durch einen Zeilensprung voneinander getrennt, deswegen
erlaubt sich auch die Lesart des alleinstehenden mächtig. Rückbezieht
man das auf Wurfholz, dann ist das Wurfholz mächtig und wahr. Als
nächstes haben wir die Sternenbahnen. Das liest sich parallel zu
Atemwege und der hinterlegten Flugbahn. Während aber die Atemwege
im Menschen selber verlaufen, deuten die Sternenbahnen auf den Kosmos,
das All hin. Etwas über dem Menschen stehende. Stern ist bei Celan
auch immer in Verbindung mit Judenstern zu lesen. Der Weltensplitter.
Ich denke ein bisschen an Meteorit und die Verbindung zwischen Himmel
und Erde. Wir haben splitter und körner getrennt von ihrem Beiwort.
Wir haben Zeitkörner und Zeitstaub, wobei bei Staub immer auch etwas
von Tod mitschwingt: aus Staub wurden wir gemacht, zu Staub werden wir
(Pslam!). Festzuhalten ist vielleicht, dass die Welt, bzw. die Zeit irgendetwas
mit dem Wurfholz macht. Und zwar geküsst, genarbt, verwaisend. Küssen
ist was Gutes, hat mit Liebe zu tun, Zwischenmenschlichkeit. Also der
Weltensplitter (obwohl Splitter an Bombensplitter erinnert, wohingegen
Körner und Staub erst mal nicht so arg negativ erscheinen) ist positiv
belegt. Die Zeit-zusammengesetzten Wörter dagegen bekommen negative
Bedeutung: vernarbt, verwaisend. Also das Wurfholz, wir lesen es immer
noch mit, erfährt gewisse Veränderungen. Veränderungen
durch die vergehende Zeit. Die Zeit geht nicht spurlos an ihm vorüber.
Wohlgemerkt, es ist noch in der Luft, es wandert hier noch. Lapilli ist
Plural für hasel- bis walnussgroße Lavabröckchen, die
bei einem Vulkanausbruch herausgeschleudert werden. Ein geologischer Begriff.
Typisch für Celan, der nicht selten Fachbegriffe anderer Bereiche
entlehnt. Wurfholz und Lavabröckchen wird hier in Beziehung zueinander
gebracht. Stein und Stern korrespondieren miteinander: es ist nur ein
Buchstabe verändert. Verwaisend mit euch, es klingt auch verweisend
auf euch an. Also die Lapilli und das Wurfholz verwaisen. Beidem kann
irgendwie das Verb fliegen beigemessen werden. Aber anders als das Wurfholz
haben Lapilli etwas von Zerstörung. Es folgt denn auch in der Reihenfolge
verzwergt, verwinzigt, vernichtet, verbracht und verworfen. Durch die
ersten drei klingt eine Verminderung an. Vom Zwerg zum Winzling, zum Nichts.
Verworfen hat wieder den Wortstamm Wurf von Wurfholz, hat aber hier auch
etwas von aufgeben. Im Vernichten klingt auf jeden Fall auch Vernichtungslager
an. Sich selber der Reim? Reim steht genau in der Mitte des Gedichts.
Es gibt exakt dreizehn Zeilen vorher und dreizehn Zahlen danach. Unglückszahl
13? Zahlenmystiker Celan! Jedenfalls ist der Reim zentral. Und so ist
er auch zu lesen. Es geht um den Reim. Ist der Reim das Wurfholz? In diesem
Wort klingt auch Entworfenes an. Der Dichter entwirft den Reim, das Gedicht.
Es wird durchgehend eher von es gesprochen als von er - der Reim. Also
es, das Wort. Oder es, das Volk. Was heißt das, der Reim vernichtet
sich selber? Das Gedicht thematsiert sich selbst. Es bewegt sich auf seine
eigene Auflösung zu - nach dem Reim folgt ein Gedankenstrich, als
ob das Gedicht hier kurz innehält - und kehrt wieder zu sich selbst
zurück. Das Wort als Bumerang.
Das Wort ist auch Jesus, ist Gott, ist die Bibel? Es bildet den Reim.
Es hat zumindest mal das Tausendjährige Reich überlebt, es ist
verändert daraus hervorgegangen, aber es kommt zurück. Es ist
sich selber der Reim. Dichtung nach Auschwitz ist möglich (Adorno),
aber unter veränderten Bedingungen. |
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Tanja
Höschele, Frankfurt
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Sämtliche
Gedichte von Paul Celan sind zu finden unter www.paulcelan.de
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