BUCHTIPPS

 
Michael Cunningham: "Die Stunden"
 

"Die Stunden" - das war der Arbeitstitel von Virginia Woolfs Roman "Mrs. Dalloway". Cunningham knüpft nicht nur an diesen Roman und dessen Entstehung an, kunstvoll lässt er verschiedene Ebenen ineinanderfließen: Er schildert einen Tag aus dem Leben von 3 Frauen: Virginia Woolf, die gerade an eben diesem Roman arbeitet, Laura Brown, die den Roman fast ein halbes Jahrhundert später liest, und Clarissa, eine Frau am Beginn des 21. Jahrhunderts, die von ihrer Jugendliebe Mrs. Dalloway genannt wurde und tatsächlich diesem Roman entsprungen sein könnte. Cunningham baut seine Idee dramaturgisch geschickt auf, verwendet Stilelemente von Virginia Woolf, springt trickreich zwischen den Ebenen hin und her, verbindet sie mit wiederkehrenden Motiven und überrascht mit einem verblüffenden Ende. Cunninghams Frauen haben gemeinsam, dass sie in Alltäglichkeit gefangen von Liebe, Leidenschaft, pulsierendem Leben und der rauschhaften Vorstellung des Todes getrieben, letztlich wissend, dass es gerade die Banalitäten sind, die sie am Leben halten.

"Wir führen unser Leben, verrichten unsere Tätigkeiten, und dann schlafen wir - so einfach und so gewöhnlich ist das. Ein paar springen aus dem Fenster, ertränken sich oder nehmen Tabletten; ein paar mehr sterben bei Unfällen; und die meisten von uns, die breite Masse, werden langsam von irgendeiner Krankheit verzehrt oder, wenn wir großrs Glück haben, vom Zahn der Zeit. Und es gibt nur diesen einen Trost: eine Stunde hie und da, in der es uns wider alle Wahrscheinlichkeit und Erwartung so vorkommt, als schäume unser Leben über und schenke uns alles, was wir uns je vorgestellt haben, obwohl jeder, Kinder ausgenommen (und vielleicht sogar die), weiß, dass auf diese Stunden unausweichlich andere folgen werden, die weitaus dunkler sind und schwerer. Dennoch ergötzen wir uns an der Stadt, dem Morgen; wir erhoffen uns, vor allem anderen, mehr davon.
Weiß der Himmel, wieso wir es lieben."

Für dieses Eindringen in die Tiefen der menschlichen Gefühls- und Gedankenwelt hat Cunningham sowohl den PEN/Faulkner-Award bekommen als auch den Pulitzerpreis. Es ist ein ausgezeichneter Roman, der mehr ist als ein Bestseller, wie das Quentchen "mehr" nach dem seine Frauenfiguren streben, hat auch Cunningham etwas geschaffen, das sich nicht zufrieden gibt, das weiterfragt, das erschüttert und letztlich doch noch Hoffnung zulässt.

  Cunningham, Michael: Die Stunden, München 1998
2002 verfilmt unter dem Titel "The Hours" mit Nicole Kidman, Meryl Streep und Julianne Moore

   
Paul Auster: "The Music of Chance"
 

Jim Nashe hat sich für ein Leben auf der Straße entschieden. Mit einem roten Saab 900 durchkreuzt er so die Weiten Amerikas, bis er eines Tages den Spieler Jack Pozzi aufsammelt und sich zu einem gefährlichen Handel hinreißen läßt. Ein Pokerspiel mit zwei ältlichen Millionären wird angezettelt, das für Beide einen Gewinn verspricht, da Pozzi beteuert, dies sei der Weg zum großen Jackpot. Natürlich kommt es anders. Pozzi verliert - nicht nur alles Geld, auch Jims Wagen und schließlich sogar die hart erarbeitete Freiheit der Männer. Um ihre Schulden zu begleichen, beginnen sie, für die Millionäre Flower und Stone einen riesigen Wall zu errichten. Immer weiter verstricken sie sich in ihrer miserablen Lage, bis es zum Eklat kommt...
"The Music of Chance is a strange, haunting parable"

  Paul Auster: The Music of Chance
Roman. 217 Seiten
faber and faber. London 1991
   
Kurt Tucholsky: „Schloß Gripsholm“
  Der Erzähler und seine Prinzessin Lydia verbringen den Sommer in Schweden. Fern von den Banalitäten des Alltags genießen sie ihre unbeschwerte, ehrliche und zauberhafte Liebe. Freunde kommen und gehen, und die große Sanftheit der beiden überträgt sich auf alle Realitäten. Sie praktizieren freie Liebe, sind aber niemals schamlos oder unmoralisch. Im Gegenteil decken sie die Doppelmoral der Wirklichkeit auf. Ihr kleines Paradies kann nicht erschüttert werden, da sie selbst aufrichtig und wahr sind. „Unnachahmlich graziös und amüsant erzählt; schwebend wie ein Schmetterling und sonnendurchflutet wie der Sommer selbst."
  Kurt Tucholsky: Schloß Gripsholm
Eine Sommergeschichte. 159 Seiten
rororo. Reinbeck bei Hamburg 1931.
   
Hugo Hartung: „Ich denke oft an Piroschka“
  Vielleicht hat der ein oder andere ja noch den gleichnamigen Film mit Liselotte Pulver und Gunnar Möller in den Hauptrollen in Erinnerung. Es enspannt sich die Unbeschwertheit eines ungarischen Sommers, wenn "die deitsche Student" Andi auf die mädchenhaft schüchterne Piroschka trifft. Und so lautet auch der Untertitel des Buches: Ein heiterer Roman, der ganz im Stile der 50er Jahre geschrieben ist. Nicht die großen Probleme der Zeit werden betrachtet, vielmehr geht es um Liebe, Freiheit, Konventionen und die berauchende Natur Ungarns. Andi verbringt seine Ferien in dem ungarischen Ort mit dem abenteuerlichen Namen Hódmezövásárhelykutasipuszta, wo ihn eine illustre Gesellschaft erwartet: der dicke Bahnhofsvorsteher und seine Frau, der lustige Briefträger, die bäuerlich aristokratischen Verwandten und natürlich Piroschka "Du kannst mir Piri sagen", die Tochter des Bahnhofsvorstehers. Es kommt, wie es kommen muß, und die beiden verlieben sich ineinander. Wenn da doch nicht noch Greta wäre, die zwar immer seltener, aber doch noch ab und an durch Andys Kopf spukt. Das Unglück nimmt seinen Lauf; es gibt Tränen und Eifersucht, aber auch Liebesschwüre in der Kornkammer, wenn draußen im Hof junge Paare gemeinsam über das Kornfeuer springen. Ach, es ist einfach ein wunderbar leichtes Buch, garantiert ohne Anspruch, aber auf jeden Fall ein kurzweiliges Ereignis für eine sommerliche Autofahrt oder als Strandlektüre. Auch der Film ist allen Fans alter deutscher Filme zu empfehlen!
  Hugo Hartung: Ich denke oft an Piroschka
Ein heiterer Roman. 218 Seiten
Fackelverlag. Olten, Stuttgart, Salzburg 1954
Günter Grass: „Die Blechtrommel“
  Oskar M., der gnomenhafte Schelm, ist Widersacher der moralischen Ansprüche einer deutschen Gesellschaft, die selbigen auch nicht gerecht werden kann und dem braunen Trommler Hitler blind ins Nazideutschland folgt.
Ein sagenhafter Roman, der mitreißt, weil man sich wiedererkennt und sogar zum eigenen Widerwillen patriotische Gefühle erweckt. Abstoßend und doch im Selbst wiederfindbar. Und sehr kaschubisch.
  Günter Grass: Die Blechtrommel
Roman. 779 Seiten
Deutscher Taschenbuch Verlag. München 1959
   
Mario Vargas Llosa: „Die Stadt und die Hunde
  In diesem Roman beleuchtet Vargas Llosa die Entwicklung von Faschismus am Beispiel einer Jungen-Militärakademie in Südamerika. Die Welle der Gewalt schlägt von oben nach unten. Der, den sie trifft, gibt sie an Schwächere weiter.
Vargas Llosa hat zu Recht 1996 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für dieses Werk bekommen. In seinen Romanen, Essays und zahlreichen Artikeln bezieht er immer wieder politische Stellung: „sein Lebenswerk ist das Plädoyer für eine Kultur der Freiheit und für wahre Gerechtigkeit“ heißt es in der Begründung des Stiftungsrates.
„Die Stadt und die Hunde“ - ein Buch, das sicherlich nicht leicht zu lesen ist, in seiner Brisanz und spannungsgeladenen Entwicklung dem Leser aber den Atem raubt.
  Mario Vargas Llosa: Die Stadt und die Hunde
Roman. 422 Seiten
Suhrkamp Verlag. Frankfurt 1962
   
Zeruya Shalev: „Liebesleben“
  Eine Frau verliebt sich in den gleichen Mann wie ihre Mutter 25 Jahre zuvor. Auf der Suche nach ihrer eigenen Vergangenheit verliert sie die Kontrolle über die Gegenwart und gewinnt am Ende eine hoffnungsvolle Zukunft.
Atemlos und unerträglich zu lesen, fein psychologisch entwickelt und symbolgewaltig angereichert ist dieser Roman ein Muss für jeden Bücherschrank.
Marcel Reich-Ranicki: „Das ist ein Buch von erstaunlicher Intensität und Intelligenz... Ich glaube, das Buch gehört überhaupt zum Besten, was ich in diesen Jahren gelesen habe.“
Mehr Infos...
  Zeruya Shalev: Liebesleben
Roman. 368 Seiten
Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler.
Berlin Verlag. Berlin 2000
   
Klaus Kinski: „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“
  Ich schrie mir schon die Lungen wund nach deinem heißen Leib du Weib. Klaus Kinski nimmt sie alle. Welche Seite man auch immer zu lesen beginnt, Kinski vögelt wie ein Wilder. Von oben nach unten, von rechts nach links, an Baum und Strauch und durch die Betten aller Gesellschaftsschichten. Er selbst stammt aus ärmlichen Verhältnissen, ein kleiner Dieb, der sich auf den Schwingen seines Genies nach oben tragen läßt. In wilden Ausbrüchen verachtet er die Schlechtigkeit und Dummheit der Menschen und unterjocht sie in seiner eigenen wahnsinnigen Welt. Aber noch größer als sein Haß ist seine Liebe. „Ich brauche Liebe! Immerzu. Und ich will Liebe geben, weil ich zuviel davon habe. Niemand begreift, daß ich nichts anderes will, als mich zu verschwenden.“
  Klaus Kinski: Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund
Erinnerungen. Erschienen im Heyne Verlag München 1983.